Bettina Lockemann

Autorin:
Lea Asbrock

Bettina Lockemann

État d’urgence. Paris, 14 novembre 2015
120 Seiten, 61 s/w Fotografien, 208×141 mm
Privatdruck, Köln 2015
1. Auflage: 50 (Klebebindung), 2. Auflage: 50 (Spiralbindung)

Paris, 14. November 2015. Ein ganz normaler Samstag? Es ist der Tag nach den Attentaten des  sogenannten Islamischen Staates (IS) in Paris, bei denen 130 Menschen getötet wurden. Die  Berliner Fotografin Bettina Lockemann macht an diesem TagAufnahmen in der französischen  Hauptstadt, aus denen ein Fotoband mit 61 Schwarzweißfotografien entsteht. état d‘urgence - Ausnahmezustand. Die zweiteAufnahme der Fotostrecke zeigt einen Fernseher an der Wand  eines Hotelzimmers. Auf dem Flachbildschirm ist eine Ansprache des Staatspräsidenten François  Hollande en direct auf dem französischen Sender TF1 zu sehen. Unter ihm die breaking news  „Attaques à Paris. Un numéro d’urgence mis en place: 0800406005“ eingeblendet. Mit ihrer  Aufnahme des Medienbildes konfrontiert Lockemann den Betrachter unvermittelt mit dem  Kontext, in dem die Fotos entstanden sind. Der Großteil der weiteren Bilder in dem Fotobuch  steht jedoch im deutlichen Kontrast dazu. Ein Foto zeigt den Ausschnitt einer dunklen Bar. Die  Tische sind eingedeckt, jedoch sind keine Gäste zu sehen. Auf einem anderen schauen wir in die  Tuileries, auf einem anderen erkennen wir den Platz vor dem Centre Pompidou und ein weiteres  zeigt ein Café im Marais in unmittelbarer Nähe des Musée Picasso. Doch all diese Orte, die sonst  von Parisern und Touristen bevölkert sind, sind gespenstisch entvölkert. Menschenleere Metrostationen, hochgeklappte Stühle, geschlossene Geschäfte und Büros, Straßen ohne Verkehr. Es könnte an einem Samstag morgens um 6 Uhr sein. Der Bezug zu den Anschlägen  am vorherigen Tag ist aus diesen Aufnahmen zunächst nicht ablesbar. Er erschließt sich erst,  wenn die Aufnahmen in die gesamte Fotostrecke und in ihren historischen Kontext eingebunden  werden. Dann wird deutlich, dass Lockemann an diesem Samstag verschiedene Orte in Paris  aufgesucht hat, auf die the day after niemand achtet. Nur zur Place de la République kommen  die Menschen (und mit ihnen die Journalisten), um unter Polizeischutz am Monument à la  République Blumen niederzulegen. Lockemann geht bei diesem Fotoprojekt also anders vor, als  es zeitgleich fast alle Medien tun. Sie bildet nicht die Tatorte ab, fährt nicht zum Stade de France oder zum Bataclan, sondern versucht, die bleierne Atmosphäre zu erfassen, die die Anschläge in der Metropole ausgelöst haben. Dies irritiert, erwartet der Betrachter doch aufgrund seiner  Erfahrungen mit der medialen Berichterstattung nach Ereignissen wie diesem etwas anderes.  Ikonische Bilder des Grauens, des Leidens, des historischen Momentums, die ihn emotional erreichen und in sein Bildgedächtnis eingehen. Doch die Fotografin bedient diese Erwartungen  nicht, sondern kreiert sowohl durch ihre Verweigerung, den Terror abzubilden, als auch durch  den seriellen Ansatz ihrer Stadtaufnahmen Gegenbilder zu denen der Medien. Das einzelne  Foto, das den decisive moment festhält, steht nicht in Lockemanns Interesse. Die Fotos sollen in  ihrer Serialität dem Betrachter Einblicke in das durch den Terror veränderte, (nicht mehr)  alltägliche Stadtbild von Paris gewähren. Um dieses zu veranschaulichen, setzt sie wie zu Beginn  der Serie auch an das Ende die Abbildung eines plakativen Bildes: Es ist ein Filmplakat in einem City-Light-Board, auf dem der Eiffelturm als ein Gewehr dargestellt ist. Daneben ist der Filmtitel  Made in France zu lesen. „Un thriller de choc“. Diese Aufnahme stellt auf subtile Weise  abschließend die Frage nach den Ursachen des Terrors.
P
aris, 14. November 2015. Kein ganz normaler Samstag. État d’urgence.

© Bettina Lockemann, aus der Serie: Etat d’Urgence, 2015
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