Der NSU-Prozess. Das Protokoll des ersten, zweiten und dritten Jahres

Autorin:
Karolin Eisel

Der NSU-Prozess. Das Protokoll des ersten, zweiten und dritten Jahres

Süddeutsche Zeitung Magazin, München, 3. Januar 2014, 2. Januar 2015 und 8. Januar 2016
Autoren: Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz und Rainer Stadler, Illustrationen: Ricardo Vecchio, George Butler und Stuart Patience, Fotografien: Paula Markert

Zehn Morde, drei Sprengstoffanschläge, zahlreiche Raubüberfälle. Der Nationalsozialistische  Untergrund (NSU), dessen Kern Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bildeten,  konnte dreizehn Jahre unentdeckt agieren. Erst durch den Tod von Böhnhardt und Mundlos am  4. November 2011 in Eisenach wurde er aufgedeckt und am 8. November durch die  Selbstanzeige Zschäpes aufgelöst. Der juristischen Aufklärung der zahlreichen Straftaten, die in  den vergangenen Jahren von der rechtsradikalen terroristischen Vereinigung verübt worden sind,  widmet sich seit dem 6. Mai 2013 ein Strafprozess in München. Es ist Aufgabe der Justiz, die  Hintergründe der Straftaten zu klären, die verantwortlichen Täter zur Rechenschaft zu ziehen,  insbesondere festzustellen, welche Funktion Zschäpe innerhalb des Trios hatte und inwiefern sie  an den Taten mitbeteiligt gewesen ist. Damit stellt sich auch die Frage nach der Verantwortung  der staatlichen Behörden.
D
as öffentliche Interesse und die mediale Berichterstattung in Zeitungen, im Fernsehen und  Internet sind gewaltig. Aufgrund der juristischen Komplexität des Gerichtsverfahrens und dessen  inzwischen dreijährigen Dauer ist es für die Öffentlichkeit jedoch praktisch unmöglich, den Verlauf  des Prozesses noch genau nachvollziehen zu können. Nicht zuletzt weil bei dem Medienprozess  häufig nur die Täter oder außerjuristische Aspekte, wie das spezifische Auftreten von Zschäpe  vor Gericht, im Fokus stehen. So wird diese mal als "gefährliche Mitläuferin", mal als "Nazi-Braut"  bezeichnet, Bild titulierte sie gar "heißen Feger". Die Attentate wurden schon als "Döner-Morde"  und der Prozeß selbst als "NSU-Show" verunglimpft. Um den rein juristischen Aspekt nicht völlig  in den Hintergrund treten zu lassen und den komplexen Prozess möglichst ausführlich und sachgemäß darzustellen, entschied sich die Süddeutsche Zeitung (SZ) für eine andere Art der  Berichterstattung. In ihr soll der Prozess, und zwar der juristische und nicht der mediale, im Vordergrund stehen. Zu jedem Prozessjahr erscheint jeweils ein Magazin. Aus den Mitschriften  der Journalisten der SZ zu den einzelnen Verhandlungstagen sind auf diese Weise bis dato drei  Protokolle entstanden, die als eine Art szenische Darstellung herausgegeben werden. Illustrationen und Fotografien ergänzen die Protokolle. Durch die sowohl schriftliche als auch illustrierende Darstellung der beteiligten Personen, des Geschehens im Gerichtssaal und der  Orte, die mit der Terrorgruppe in Verbindung stehen, wird dem Leser der Prozess in seiner vielschichtigen Thematik intermedial veranschaulicht. So zeigt die Fotografin Paula Markert im letzten Magazin die Orte, an denen der NSU gelebt und agiert hat. Unter anderem ist das Foto  eines uniform blau gestrichenen Garagenkomplexes abgebildet, von dem bereits die Farbe  abblättert. Aufgrund der radikalen Ausschnitthaftigkeit ist es dem Betrachter unmöglich, diesen  unscheinbaren Unort näher zu lokalisieren und identifizieren. Tatsächlich fand die Polizei am 26.  Januar 1998 bei einer Durchsuchung dieser Garagen in der Nr. 5, die Zschäpe in Jena für den  NSU angemietet hatte, rechtsradikales Propagandamaterial, Sprengstoff sowie Rohrbomben. Die  Anonymität des Fotos suggeriert dem Betrachter, dass dieser Fund überall hätte gemacht werden  können, die Garage auch dem eigenen Nachbarn gehören könnte. Mittels explizit  unspektakulärer Bilder suggeriert die Dokumentation der SZ, dass sich rechtsradikaler Terror  hinter jeder Tür verbergen kann.

Für Neuigkeiten aus dem f/stop Büro melde dich bei unserem Newsletter an.