Gerda Taro

Autorin:
Julia Schwarzkopf

Gerda Taro

Crowd at the gate of the morgue after the air raid, Mai 1937
in: regards, Nr. 178, 10. Juni 1937 (Cover)

Drei alte Koffer. Seit Jahrzehnten verschollen geglaubt. Eine Odyssee liegt hinter ihnen, seitdem sie 1939 auf der Flucht Robert Capas aus Paris verloren gegangen waren. Dank der langjährigen  Recherchen Cornell Capas, dem Bruder des bekannten Fotografen und Gründer des International  Center of Photography, haben sie ihren Weg von Mexico nach New York gefunden. Die Spannung ist greifbar an jenem 19. Dezember 2007, als die Boxen, die sogenannten Mexican Suitcases, geöffnet  werden. Sie offenbaren über 4.500 35mm Negative aus dem Spanischen Bürgerkrieg, die den  Fotografen „Chim“ David Seymour, Robert Capa sowie der in Stuttgart geborenen Gerda Taro  zugeschrieben werden. In unterschiedlichen Perspektiven haben die drei Fotografen ihre Eindrücke von den historischen Ereignissen des Krieges von 1936 bis 1939 umfassend dokumentiert. Ihre  Aufnahmen zeigen einschlagende Bomben, zerstörte Gebäude, sterbende Soldaten und leidende  Zivilisten. Bei Angriffen auf Madrid, Brunete, und Valencia waren die Drei jeweils vor Ort und hielten  mit ihren Kameras das Grauen des Krieges fest. Obwohl sie sich der ständigen Gefahr bewusst  waren, riskierten sie trotzdem an vorderster Front ihr Leben, um die Motive einzufangen, die ihren moralischen und politischen Überzeugungen stärksten Ausdruck verliehen. Authentische Bilder, die  die schrecklichen Folgen des Krieges insbesondere für die Zivilbevölkerung veranschaulichen. Ihre  Fotografien wurden unter anderem in den kommunistischen französischen Zeitschriften VU und  Regards sowie im amerikanischen LIFE-Magazine als republikanische Propaganda gegen Franco  und die Faschisten publiziert. Darunter befinden sich Aufnahmen, die – wie Capas Tod eines  spanischen Milizionärs – zu Ikonen der fotografischen Kriegsberichterstattung avancierten. 
Ungefähr 800 Negative aus dem Mexican Suitcase können Gerda Taro zugeschrieben werden, die  als eine der ersten Kriegskorrespondentinnen an vorderster Front fotografierte. In ihrem  Selbstverständnis als engaged journalist konnte es im Krieg keine Neutralität geben. Vielmehr galt  es, mittels der Fotografie Position für die Opfer des Krieges, zu beziehen. Diesem humanistischen Impetus folgt auch eine Aufnahme, die ein Tag nach den Bombardements der Luftwaffe Francos im  Mai 1937 entstanden ist. Es zeigt spanische Zivilisten, die vor den Toren des Krankenhauses  anstehen, um zu erfahren, ob sich Angehörige unter den Verletzten befinden. Es ist eine verzweifelte  Menschenmenge, die sich vor das schmiedeeiserne Gitter drängt. Dessen Stäbe verlaufen vertikal  durch das hochformatige close-up, dass der Eindruck des Aus- beziehungsweise Eingesperrtseins evoziert wird. Dicht aneinander gepresst stehen die Menschen, strecken ihre Hälse, um zu sehen,  was sich hinter dem Gitter abspielt. In ihren Blicken schwingen Angst, Verzweiflung und Unsicherheit  mit. Der Blick einer Frau aus der vordersten Reihe trifft direkt die Kamera der Fotografin, die sich  unmittelbar auf der anderen Seite des Gitters befunden haben muss, und zieht so den Betrachter unmittelbar mit seinen Blicken hinein. Daher verwundert es nicht, dass ausgerechnet diese  Aufnahme als Ausschnitt am 10. Juni 1937 auf dem Cover von regards (frz. Blicke) veröffentlicht  wurde. „Guernica! Almeria! et demain?“
T
aros Aufnahmen aus dem Spanischen Bürgerkrieg haben bis heute nicht an ihrer empathischen  Wirkkraft verloren, verweisen sie uns auf das große Leiden der Zivilbevölkerung in den aktuellen  Krisengebieten der Welt.

Gerda Taro, Guernica! Almeria! Et demain?, Regards, Nr. 178, 10.6.1937
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