Jonas Zilius

Autor:
Herrmann Löffler

Jonas Zilius

Archaía Olympía, 2012-2016
125 Farbfotografien

Archaía Olympía! Heiligtum des Zeus, mythischer Austragungsort der antiken olympischen Spiele  und seit seiner Wiederentdeckung 1766 Zentrum der Archäologie. So wirkt das Deutsche  Archäologische Institut (DAI) schon seit über 100 Jahren an diesem geschichtsträchtigen Ort. Einer  der ersten und einflussreichsten der dort wirkenden Archäologen war Ernst Curtius (1814-1896),  Leiter der Ausgrabungen von 1875 bis 1881. Bei diesen wurde im Vorfeld ein Vertrag zwischen der  griechischen und deutschen Regierung geschlossen, der festlegte, dass die Funde zum großen Teil  in Griechenland verbleiben sollten. Dieses Zugeständnis an das kulturelle Erbe Griechenlands stellte damals einen entscheidenden Schritt von der Schatzgräberei und kolonialistischem Gebaren hin zu einer historischen Wissenschaft dar.
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in Foto von Jonas Zilius aus der Serie Archaía Olympía zeigt die Wissenschaftlerin Dorothea Roos,  die zur Zeit das Forschungsprojekt Olympia 4D leitet, am Schreibtisch vor ihrem Laptop. An der  Wand über ihr hängt ein altes Schwarzweißfoto mit einer Ansicht von Olympia, wie sie sich Curtius  nach seinen Ausgrabungen geboten hat und die als Bild im Bild die wissenschaftliche  Dokumentation der ersten deutschen Ausgrabung festhält. Die Bedeutung des Gelehrten an diesem  Ort, aber auch die der Weiterführung seines wissenschaftlichen Erbes wird zudem durch die  mächtige Gipsbüste von Curtius auf dem Schreibtisch der Nachwuchswissenschaftlerin manifest. In seinem Projekt begleitet Zilius deutsche Archäologen bei ihrer Arbeit in Olympia und dokumentiert,  wie diese graben, vermessen und Daten erheben, durch deren Auswertung sie neue  wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen, neues Wissen generieren. Ein wesentliche Rolle spielt  dabei der technische Fortschritt. Zum einen zeigt Zilius die Möglichkeiten, welche die digitale Technologie zwischen 3D-Visualization und terrestrischem Laserscanning (TLS) heute der Archäologie bietet, zum anderen verweist er auf traditionelle Techniken, wie das Zeichnen von Hand,  die wie zu Curtius' Zeiten weiterhin von den Archäologen angewendet werden. Neben den forschenden Archäologen und ihrem Handwerkszeug, hat Zilius zugleich die mediterrane  Kulturlandschaft der nördlichen Peloponnes, die Monumente und Kunstwerke von Olympia (gleichsam klassischen Postkartenmotiven entsprechend) sowie den allgegenwärtigen Massentourismus festgehalten. „The scientist himself becomes the object of investigation, the  measurement device gets portrayed, a single map turns into an image and even tourists appear as  sculptures”, so der Künstler über seine Arbeit, die zwischen romantischer Griechenlandsehnsucht  und dem Hightech des 21. Jahrhunderts oszilliert.
Die Vorgehensweise und das künstlerische Selbstverständnis von Jonas Zilius sind nachhaltig durch die Theorien Bruno Latours beeinflußt. Der französische Soziologe und Wissenschaftsforscher stellt  aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive die Frage nach der science in action, nach dem  Wissenschaftsverständnis in einer hochtechnisierten Gesellschaft. In Latours Wissenschaftsmodel  muss die Wissenschaft stärker in die Öffentlichkeit hineinwirken, der Wissenschaftler seinen Elfenbeinturm verlassen und sein Forschen, die wissenschaftliche „Produktion“ am Ort ihres  Entstehens transparent und damit allgemein zugänglich machen. „The best works of these scholars  remain mute on their own methods and conditions of production“, kritisisiert Latour in seinem Buch  Laboratory Life. The Construction of Scientific Facts. So sei es der Gesellschaft nicht möglich, an der  Wissenschaft und damit am Wissen zu partizipieren. Zilius‘ Fotoreihe Archaía Olympía versucht, ebendiesen ganzheitlichen Ansatz zum wissenschaftlichen Arbeiten im „Laboratorium“ zu veranschaulichen, indem sie selbst einen neuen Ansatz der dokumentarischen Fotografie entwickelt.

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