Joseph Eid

Autorin:
Michelle Kleyr

Joseph Eid

Palmyra, 31. März 2016
Farbfotostrecke, 30×40 cm

Eine ausgestreckte Hand hält das Foto eines antiken Tempels, nur einige Meter hinter ihr ragt ein kolossaler Torbogen aus einem Trümmerhaufen empor. Dieselbe Perspektive, dasselbe  Monument. Es handelt sich um eine simultane Vorher-Nachher-Aufnahme des Baaltempels in  Palmyra – in seinem historischen und zugleich in seinem heutigen Zustand. Zwischen dem Foto in der Hand und der aktuellen Aufnahme liegen die Zerstörungen des sogenannten Islamischen  Staates (IS). Ausgerüstet mit einem Stapel Abzügen von Aufnahmen, die er im März 2014 in der  antiken Oasenstadt Palmyra geschossen hatte, besuchte der libanesische AFP-Fotograf Joseph Eid zwei Jahre später erneut den nun von den ikonoklastischen Verwüstungen des IS schwer getroffenen Ort, um dieselben Motive erneut zu fotografieren. Eids Bild im Bild, das wir beim  Betrachten selbst in der Hand zu halten scheinen, versetzt uns in situ und markiert die durch die  islamistischen Bilderstürmer verursachten Zerstörungen.
D
as noch erhaltene, 15 Meter hohe Eingangstor des Baaltempels ist eines von vielen  Monumenten, die die Architektur Palmyras als einzigartig auszeichnen. Die Ruinen der syrischen  Oasenstadt stammen aus einer Zeit, in der die Kulturen von Orient und Okzident an diesem  Knotenpunkt der Seidenstraße verschmolzen. Der griechisch-römische Kulturschatz mit seinen  persischen und asiatischen Einflüssen, der bis heute nur teilweise freigelegt und archäologisch  erforscht wurde, gehört seit 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Aufgrund dieser reichen und  langen Geschichte symbolisiert Palmyra wie kaum eine andere Ausgrabungsstätte das kulturelle Gedächtnis der Menschheit. Gerade deswegen wurde die antike Stätte zum ausgesuchten  Feindbild in der monokulturellen Weltsicht des IS, das es exemplarisch zu zerstören galt. Die  Terrorgruppe, die die Ruinenstadt fast ein Jahr lang unter ihrer Kontrolle hatte, nutzte deren Bekanntheit und Bedeutung gezielt, um hier ihre Propagandavideos zu inszenieren.  Medienwirksam zeigten sie die Sprengung einiger der bedeutendsten Bauwerke sowie die  Hinrichtung von Kriegsgefangenen im römischen Theater – unter ihnen der 80jährige frühere Direktor des Museums und der archäologischen Stätten von Palmyra, Khaled Asaad. Die  Befreiung Palmyras durch die syrische Armee und die russische Luftwaffe Ende März 2016  wurde von den Alliierten als ein mediales Ereignis inszeniert. Ersten Drohnenaufnahmen folgten trotz Landminen und Sprengsätze rasch Aufnahmen von Journalisten in den Bild- und Printmedien. Nun nutzten die neuen Siegermächte den historischen Ort, um ihrerseits politische  Botschaften zu senden. Mittels glorifizierender Aufnahmen der militärischen Befreiung sowie  eines aufwendig inszenierten Konzerts des St. Petersburger Mariinski-Theaters im antiken  Theater, zu dem eine Ansprache des russischen Präsidenten Wladimir Putin live übertragen wurde, demonstrierten das syrische Regime und das es unterstützende Russland nicht nur, dass  die zivilisatorischen Werte der Menschheit unzerstörbar seien, sondern auch wer dieses  Kulturerbe gerettet habe. Dies geschah in einem Konflikt, der weiterhin unerbittlich seine zivilen  und kulturellen Opfer fordert. Auch der jetzt bereits diskutierte Wiederaufbau der zerstörten  Monumente wirft Fragen auf. Welcher Zustand soll wiederhergestellt werden? “Wie heilt man eine Ruine?“, fragt ein Artikel der ZEIT vom 7. April 2016, in dem das Foto von Joseph Eid abgebildet  wurde. Im 21. Jahrhundert werden die über 2.000 Jahre alten Überreste Palmyras von den verschiedensten Seiten für einen globalisierten Konflikt instrumentalisiert. In diesem permanent  laufenden Krieg der Bilder.

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