Margaret Bourke-White

Autor:
David Ludwig

Margaret Bourke-White

Die Toten im Leipziger Rathaus
s/w Fotografie, 20. April 1945
abgebildet in: LIFE-Magazine, Bd. 18, Nr. 20, 14. Mai 1945, S. 32-33.

Die Deutschen hatten schon kapituliert. Bedingungslos. Was die rauschende Stimme des US-amerikanischen Präsidenten Truman aus dem Radio verkündete, wurde für die Bevölkerung der  alliierten Sieger allerdings erst durch Bilder Realität. Die ganze Welt, die Beteiligten wie die Betroffenen,  sollten von den Vorgängen in Deutschland nicht bloß hören und lesen, sondern sollten sie auch sehen.  So dokumentierten Lee Miller und Margaret Bourke-White im Dienst der US-Army für die Frauenzeitschrift Vogue und das LIFE-Magazine als Kriegskorrespondentinnen das Ende des Zweiten Weltkrieges. Am 18. April 1945 erreichten die Reporterinnen gemeinsam mit den US-Soldaten Leipzig. Erste Filmaufnahmen der einrückenden Soldaten zeigen auf den Straßen liegende Leichen zwischen  Trümmern und Ruinen. Inmitten der Zerstörung erhebt sich das Neue Rathaus, beschädigt, aber intakt.  Nachdem um 12 Uhr auf seinem Dach die amerikanische Flagge gehißt und die Kapitulation Leipzigs  bekanntgegeben worden war, begingen dort nationalsozialistische Funktionäre mit ihren Angehörigen  kollektiven Suizid. Die daraufhin entstandenen Fotografien Millers und Bourke-Whites zeigen u.a. den Stadtkämmerer Dr. Kurt Lisso inmitten seines Arbeitszimmers leblos auf seinem Schreibtisch niedergesunken. „Die Ausweise und Dokumente der ganzen Familie waren ordentlich auf dem  Schreibtisch ausgebreitet, daneben stand die Flasche Pyrimal, mit dem sie sich offensichtlich  umgebracht hatten“, heißt es in einer Quelle. Ihm gegenüber seine ebenfalls tote Frau und Tochter. Auf  einer anderen Aufnahme sind die toten Kinder einer Kriegerwitwe in Schweinfurt zu sehen; umgeben  von dunklen Möbeln und vor einem an die Wand gelehnten Stillleben liegen sie auf einem geblümten Teppich, während sie eine sichtlich erschütterte Nachbarin mit einem Leichentuch bedeckt. Trotz des gemeinsamen Motivs unterscheiden sich die Fotografien der beiden Reporterinnen grundlegend:  Während Bourke-White eine größere Entfernung zu den Toten und die Aufsicht wählt, bevorzugt Miller  die Nahaufnahme. Ihr Kollege Bill Walton hatte bereits vor ihnen die bizarre Szenerie aufgenommen, die ihn an Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett erinnerte.
S
UICIDES. NAZIS GO DOWN TO DEFEAT IN A WAVE OF „SELBSTMORD“ war der Artikel des LIFE-Magazine vom 14. Mai 1945 betitelt. Anhand der Fotos das Grauen des Nationalsozialismus zu zeigen  und diesen als zusammenfallendes Gerüst aus Lügen und Propaganda zu entlarven, kam in der  Berichterstattung weniger zur Sprache. Vielmehr war es im Momentum des Sieges die Intention der  alliierten Propaganda, Bilder des Triumphes zu liefern, mit drastischen Aufnahmen zu belegen, dass der  Krieg gewonnen sei und die amerikanischen Söhne am D-Day in der Normandie, im befreiten Paris und  in Leipzig nicht umsonst gestorben seien. Die Fotos waren Beweis und Dokument des militärischen  Sieges nach dem Ende eines Krieges, wie er zuvor in seiner Grausamkeit und Brutalität undenkbar  gewesen war. „BELIEVE IT“. Millers wenige Wochen später entstandenen Fotografien des befreiten  Konzentrationslagers Buchenwald, auf denen sie die Gräueltaten der Nationalsozialisten festhielt, finden sich noch heute in Geschichtsbüchern, nachdem sie 1945 neben den Fotografien von toten  Nazis in Zeitschriften wie der Vogue und dem LIFE-Magazine publiziert worden waren. Die Toten – Schreibtischtäter und vergaste Juden – zu zeigen, war eine Bildstrategie der alliierten Propaganda, um  Betroffenen und Beteiligten die Gesichter des Krieges und seiner Verantwortlichen zu zeigen. „THE  COUNTRY DESTROYED, AND HONOUR LOST“.

Für Neuigkeiten aus dem f/stop Büro melde dich bei unserem Newsletter an.