Monica Haller

Autorin:
Thekla Noschka

Monica Haller

Veterans Book Project, 2009–2013
50 Bücher, jeweils 228,6×152,4 mm
URL: http://www.veteransbookproject.com/

Vietnam, Irak, Afghanistan. Wir glauben, alles über Krieg zu wissen – aus Film und Fernsehen, aus Zeitungen und aus dem Internet. Doch was Krieg für jene bedeutet, die ihn unmittelbar selbst  erleben, an der Front kämpfen, töten und leiden, um dann in ihre ferne Heimat zurückkehren,  darüber wird in den Medien nur selten berichtet. Dass beinahe jeder vierte Soldat nach seinem Einsatz unter Posttraumatischen Belastungsstörungen leidet, wird kaum thematisiert, die  traumatischen Erfahrungen der Zurückgekehrten bleiben oft anonym und stumm. Stattdessen  werden die heimkehrenden Soldaten in den USA auf Paraden und Veteranentreffen als Helden gefeiert und geehrt.
Diesen Einzelschicksalen von Veteranen, aber auch Zivilisten und Geflohenen aus den  Kriegsgebieten bietet die US-amerikanische Künstlerin Monica Haller mit ihrem Veterans Book  Project eine intermediale Plattform. In einem Zeitraum von drei Jahren sind fünfzig Bücher entstanden, in denen Haller den Betroffenen die Möglichkeit gibt, ihre oft fragmentarischen  Erinnerungen in Buchform zu überführen und festzuhalten. Isaac Torres, Juliet Madsen, Ahmed  Talab Dawood, Alia Al-Ali – jedes der Bücher erzählt eine andere Geschichte vom Krieg. Die „container for memories“, so bezeichnet die Künstlerin diese Bücher selbst, stellen eine  gleichermaßen künstlerische wie therapeutische Form der Verarbeitung von traumatischen  Erlebnissen im Krieg dar. Haller selbst wirkt in diesem Prozess als Initiatorin von Workshops, in denen sich Kriegsbeteiligte austauschen und ihre eigenen Bücher entwerfen. Mittels einer dazu  entwickelten Grafik-Software können die Soldaten und Veteranen ihre Bücher individuell  konzipieren, sodass sich die Resultate alle voneinander unterscheiden: Wir blättern durch Seiten  mit Fotografien, Zeichnungen, Korrespondenzen, Notizen, Tagebucheinträgen und persönlichen  Erinnerungen, um auf diese Weise einen intimen Eindruck von jenem Kriegsalltag zu erhalten,  der für so viele eine traumatische Realität ist. Die Buchform öffnet also einen Handlungsspielraum, der den Leser involviert und eben das zu veranschaulichen vermag, was  mediale Berichterstattung und journalistische Dokumentationen nicht leisten können, nicht leisten  wollen: Wir werden gezwungen, unsere bequeme Position der passiven Medienkonsumenten aufzugeben, und erfahren den Alltag des Krieges durch die Handlung des Blätterns, Lesens und Betrachtens. Haller kreiert mit ihren Büchern ein Model der Partizipation, das die aktive  Teilnahme des Lesers fordert: „Pay attention. This experience happens right in your lap. To make  it happen, you must read compassionately, then actively.“ Die Bücher sollen als „model for further  action“ den Lesern einen Anstoß geben, sich auszutauschen. Jedes Buch ist Teil eines Kooperationsprozesses zwischen dem Erzählenden, dem Leser und der Künstlerin.
In ihrem ersten Buchprojekt, das 2009 den Ausgangspunkt für das Veteran Book Project bildete,  wandte Haller dieses Prinzip erstmals an. Riley and his story. Me and my outrage. You and us  erzählt die Geschichte eines ehemaligen US-Soldaten und Schulfreundes der Künstlerin, der bis  2005 im Irak stationiert war. Aus den zahlreichen Aufnahmen, die Riley Sharbanno während dieser Zeit gemacht hatte und die er nach seiner Rückkehr in die Buchform überführte, entstand eine neue Art des Berichtens über den Krieg. Statt aus dem gewohnten journalistischen  Blickwinkel betrachten wir die Fotografien Rileys aus einer höchst individuellen Perspektive und  werden uns so ihrer Realität und Authentizität umso stärker bewusst. Mit den Büchern des Veterans Book Project halten wir einen sensiblen Gegenentwurf zur journalistischen  Berichterstattung in den Händen. „This is not a book. It is an object of deployment.“

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