Nilüfer Demir

Autorin:
Teresa Oschmann

Nilüfer Demir

Der ertrunkene Flüchtlingsjunge Aylan Kurdi
abgebildet in: Bild, Nr. 205/36, 3. September 2015, S. 18.

Flüchtlingswelle, Flüchtlingsflut, Flüchtlingskrise. „Schatz, reichst du mir den Sportteil?“ Bilder des täglichen Flüchtlingsdramas ziehen im endlosen Nachrichtenfluss an uns vorbei. Am 2. September  2015 wird dieses gleichförmige Rauschen von dem Foto eines Jungen, der bäuchlings im Sand der  ägäischen Meeresbrandung liegt, jäh unterbrochen. Auf den ersten Blick wirkt er friedlich, so als  würde er schlafen. Erst beim zweiten Hinschauen folgt die schockierende Gewissheit: Der Junge ist  tot – ertrunken auf der Überfahrt in einem Schlepperboot, das ihn von der türkischen Hafenstadt  Bodrum auf die griechische Insel Kos bringen sollte.
Das Bild von Aylan Kurdi ging um die Welt. Es hat nicht nur die Diskussion um die Flüchtlingskrise neu  entfacht, sondern auch die Frage über den medialen Umgang mit Bildern und über die Macht von  Bildern an sich. „Ist es tatsächlich so, dass Menschen dem Tod erst ins Auge sehen müssen, um das  tödliche Potential politischer Entscheidungen zu verstehen?“, fragte die Süddeutsche Zeitung. Sie  ersparte ihren Lesern das Foto der türkischen Fotografin Nilüfer Demir am Frühstückstisch; wer wolle,  könne es ohnehin überall sehen. Die Bild hingegen widmete Aylans Foto am 3. September 2015 ihre  gesamte letzte Seite, unterlegte es mit einem schwarzen Trauergrund und appellierte an die Verantwortung der zivilisierten Welt: „Was sind unsere Werte wirklich wert, wenn wir so etwas weiter  geschehen lassen?“ Als die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo die Flüchtlingsdebatte mit  einer Karikatur des Fotos kommentierte, reagierte die Netzwerkgemeinde mit Empörung und stellte  die Frage: Inwiefern dürfen die Medien den Tod eines Menschen für die Aufmerksamkeit der  Öffentlichkeit instrumentalisieren?
Für die meisten Medien steht die Relevanz des Bildes über der Würde des Toten. Sie appellieren an  uns: Schaut hin! Also schauen wir. Und als sei das nicht genug, bekunden wir unsere Anteilnahme in  sozialen Netzwerken. #KiyiyaVuranInsanlik, was so viel bedeutet wie „fortgespülte Menschlichkeit“,  war an Aylans Todestag der am häufigsten verwendete Hashtag auf Twitter. Spätestens hier stand  nicht mehr die Todesursache des Flüchtlingsjungen im Vordergrund, sondern die Frage, inwiefern  durch den Abdruck des Bildes eine politische Wirkung entfaltet werden kann. Dabei bleibt offen, ob sowohl die Medien als auch die Online-Community das Foto aus einem aufklärerischen  beziehungsweise politischen Impetus oder lediglich doch aus kommerziellen Eigeninteressen  verbreiten, um durch seine Veröffentlichung die eigene Aufmerksamkeit zu erhöhen.
Aylans Tod ist das Schicksal tausender Flüchtlinge, die jedes Jahr im Mittelmeer ertrinken. Es ist  jedoch ein Foto, dass alle Kriterien erfüllt, um fortan als Bildikone für die Flüchtlingskrise an sich zu  stehen. Denn in der ambivalenten Ästhetik des scheinbar schlafenden Jungen überkommt uns für  einen Moment die schreckliche Angst, es handle sich um unser Kind.

Der ertrunkene Flüchtlingsjunge Aylan Kurdi abgebildet in: Bild, Nr. 205/36, 3. September 2015, S. 18
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