Photos machen Geschichte

Autor:
Prof. Dr. Martin Schieder

Photos machen Geschichte

Anmerkungen zu einem Projektmodul am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig anlässlich des 7. Fotofestivals f/stop 2016

Als 1854 auf der Krim der Krieg der Briten und Franzosen gegen das russische Zarenreich sich zu  einem erbitterten Stellungskrieg entwickelte, in dem mehr Soldaten ihr Leben durch Cholera als im  Kampf verloren, geriet das britische Oberkommando zunehmend in die Kritik der heimischen Presse.  Insbesondere der Kriegsberichterstatter der Times, William Howard Russell, prangerte die die  militärische Führung wegen ihrer Inkompetenz und Defizite an. Um diesen Vorwürfen zu begegnen und  das Gegenteil zu beweisen, griff man im Königshaus zu einer bis dato ungewöhnlichen Maßnahme und  schickte den Hofphotographen von Queen Victoria, Roger Fenton, auf die Krim, um von dort Krone und Nation wahre Bilder vom Krieg zu liefern. Allerdings sollte Fenton keine „dead bodies“ aufnehmen, was  der loyale Photograph selbstverständlich auch nicht tat. Statt dessen zeigen seine Photographien die  Generalität auf dem Feldherrnhügel, rauchende und kartenspielende Soldaten posierend im Schützengraben und engelsgleiche Sanitäterin die verletzten Kameraden pflegend. Fenton war, nur  zehn Jahre nachdem das photographische Positiv-Negativ-Verfahren entwickelt worden war, als erster  Kriegsphotograph der Geschichte technisch auf dem modernsten Stand. Ausgestattet mit einer 40×50  cm-Kamera mit Glasplatten, die er unmittelbar vor der Aufnahme in einer mobilen Dunkelkammer (ein umgebauter Pferdewagen!) mit lichtempfindlichem Kollodium beschichtete, machte er annähernd 400 Aufnahmen. Aus der Reihe der Photographien, die den geschönten Kriegsalltag zeigen, fällt eine aus  dem Rahmen. Sie zeigt einen steinigen Weg, der durch eine karge, menschenleere Landschaft, das  Valley of the Shadow of Death bei Sewastopol, führt. Sie existiert in zwei verschiedenen Versionen:  Während auf der ersten zwischen den Steinen im Graben nur einige wenige Kanonenkugel zu  entdecken sind, ist auf der zweiten plötzlich der gesamte Weg mit Kanonenkugel übersät. Ganz  offensichtlich hat Fenton diese Aufnahme inszeniert, um für den britischen Leser den Eindruck der Authentizität zu steigern. Die erste ikonische Kriegsphotographie wurde also manipuliert! Bereits hier, im ersten Medienkrieg der Moderne, lange vor dem Zweiten Weltkrieg, vor 9/11 und vor dem digital turn, waren all die Aspekte und Praktiken angelegt, die heute in unseren Medien zum Tragen kommen  beziehungsweise im bild- und medienwissenschaftlichen Diskurs verhandelt werden. Vom „sauberen“  Krieg bis zu der Frage, ob und wie der Tod und das Leiden anderer gezeigt werden sollen, vom  embedded journalism bis zu breaking news, von der Bildmanipulation bis zur Propaganda. Wie im 19. Jahrhundert bewegen sich Bildjournalismus und Reportage auch im Zeitalter von Internet,  Globalisierung und Social Media zwischen dem dokumentarischen Prinzip und der Inszenierung von  Fiktion. Es sind pictures in our minds, Bilder, die sich ins kollektive Bildgedächtnis einschreiben, die für  das historische Ereignis an sich stehen. Photographien, die im doppelten Sinne des Wortes Geschichte  machen.
Unter dem Motto „the end of the world as we know it, ist der Beginn einer Welt, die wir nicht kennen“,  organisiert f/stop 2016 das 7. Festival für Fotografie in Leipzig, wo unter Leitung von Christin Krause die  Kuratoren Jan Wenzel und Anne König historische und aktuelle Positionen der Reportage  beziehungsweise der photographischen Dokumentation in ihren unterschiedlichen geschichtlichen und  medialen Kontexten präsentieren. In diesem Zusammenhang sind f/stop und das Institut für  Kunstgeschichte der Universität Leipzig erneut eine fruchtbare Kooperation eingegangen und haben  gemeinsam ein Projektseminar entwickelt, das das Studium der Kunstgeschichte als eine professionelle Erfahrung und praktische Anwendung begreift. So geben Bachelorstudierende des Institutes für  Kunstgeschichte auf dem Festival regelmäßige Führungen. Gleichzeitig haben sie zu den ausgestellten  Exponaten und Positionen kurze Essais verfaßt, die auf der Homepage von f/stop einzusehen sind. Es  sind Texte, die einen breiten historischen und medialen Bogen spannen: von der US-Kriegsberichterstattung im befreiten Leipzig am Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum aktuellen  Mediendiskurs anläßlich der Photographie des ertrunkenen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi, von Robert  Capa und Lee Miller bis zu Bettina Lockemann und Monica Haller, zwischen LIFE-Magazine, Bild und  facebook, von Buna Beach 1943 bis Palmyra 2016, zwischen Spanischem Bürgerkrieg und aktueller  Flüchtlingskrise. Und schließlich haben die Kuratoren und Gäste den Studierenden grundlegende  Kenntnisse in der Organisation und Durchführung eines Festivals (Begleitprogramm, Plakat- und  Kataloggestaltung, Künstlergespräch etc.) vermittelt.
Diese Zusammenarbeit zwischen Studierenden, Kuratoren und Dozent hat sich als ein äußerst  erfolgreiches Modell erwiesen, in dem Studium, kuratorische Praxis, Wissenschaft und Kunstvermittlung  exemplarisch zusammengeführt wurden. Es waren eine große Herausforderung und Freude, mit Lea  Asbrock, Philipp Böhme, Karolin Eisel, Michelle Kleyr, Herrmann Löffler, David Ludwig, Anna  Marckwald, Carolin Meyer, Thekla Noschka, Teresa Oschmann, Christine Pauls, Julia Schwarzkopf  sowie Eileen Stocker zusammenzuarbeiten und mit ihnen das Projekt gemeinsam erfolgreich zu realisieren. Ich danke herzlich dem Team von f/stop um Christin Krause, Jan Wenzel, Anne König und Christin Müller sowie meiner Mitarbeiterin Thekla Noschka, ohne die sich unser Projekt niemals hätte umsetzen lassen.

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