Robert Capa

Autorin:
Anna Marckwald

Robert Capa

Last man to die
s/w Fotografie, Leipzig, 18. April 1945
abgebildet in: LIFE-Magazine, Nr. 20, 14. Mai 1945, S. 40B/40C.

Ein junger Soldat ist rücklings durch die geöffnete Balkontür in ein bürgerliches Wohnzimmer gestürzt.  Sein Körper liegt verdreht und erschlafft auf dem Dielenboden, auf dem sich eine dunkle Blutlache ihren  Weg bahnt. Sie scheint direkt auf uns zuzufließen. Der Mann in Uniform ist tot, getroffen von einer  feindlichen Kugel. „His face had not changed except for a tiny hole between his eyes“, soll Robert Capa,  der Fotograf des Bildes, Jahre später in seinen Memoiren schreiben. Wer ist der tote Soldat und wie  kam es dazu, dass Capa ihn in den letzten Sekunden seines Lebens begleitete? Das sind die Fragen,  die sich einstellen, wenn man die Fotografie Last Man to die, die als eine Ikone der Kriegsfotografie gilt,  betrachtet. Aufgenommen wurde sie an einem der letzten Tage des Zweiten Weltkrieges im Frühjahr  1945. Capa kommt, nachdem er bereits den D-Day und weitere Etappen der nach Osten vorrückenden  Truppen der Westalliierten dokumentiert hat, am 18. April in Leipzig an. Hier wird er die US-Army bei  der Übernahme der Stadt begleiten. Man rechnet mit wenig Widerstand, der Krieg ist so gut wie vorbei.  Vom Westen her will man die Stadt einnehmen. Gegen Mittag erreichen die Truppen die  Zeppelinbrücke, die als wichtiger Verkehrspunkt zum Stadtkern fungiert. Capa und einige Soldaten  verschaffen sich Zugang zu einem in der Frankfurter Straße (heute Jahnallee) gelegenen Haus, von  dem man im zweiten Stock die Situation gut überblicken und den Bodentruppen Deckung geben kann.  Zwei Scharfschützen bauen ihre Maschinengewehre auf dem Balkon auf. Man ist siegessicher und trägt  statt der eigenen Helme lässig Fliegermützen der feindlichen Wehrmacht. Auf Capas Kontaktbögen  kann man erkennen, dass er einige Aufnahmen des gerade 21jährigen Raymond Bowman macht, als  dieser seine Waffe aufbaut. Sekunden später ist dieser tot. Ein deutscher Scharfschütze hat ihn und seinen Kameraden auf dem Balkon ausgemacht. Capa dokumentiert die dramatische Szene mit seiner  TLR Rolleiflex, einer zweiäugigen Spiegelreflexkamera, und mit der 35mm Kleinbildkamera Contax. Er  ist mitten im Geschehen – „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran“ –  und riskiert dabei wie so oft in seiner Karriere das eigene Leben. Auf diese Weise schießt er ein Foto,  das nach Kriegsende als das Bild des symbolisch letzten Toten des Zweiten Weltkrieges in die Geschichte eingehen wird. Last man to die. Es wird am 14. Mai 1945 vom amerikanischen LIFE-Magazine, das eine ganze Ausgabe dem End of war widmet, abgebildet, um auf diese Weise die  eigenen Gefallenen zu heroisieren. „Until the very last moment Allied soldiers were losing their lives in  Europe“. Der Artikel über den letzten toten amerikanischen Soldaten endet mit der letzten Strophe des  Gedichts The day of battle von A. E. Housman:

“Therefore, though the best is bad,
Stand and do the best, my lad;
Stand and fight and see your slain,
And take the bullet in your brain”.

Aus dem jungen Raymond Bowman, der am 18. April 1945 in Leipzig fiel, wird ein Märtyrer, ein  tragischer Held für sein Land.

Robert Capa, An Episode. Americans Still Died, Life Magazine, 14.5.1945
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